13. Mai 2026
Bleib im Warmen, wir bringen dir was
Nachricht von Olaf: Wir erhalten wieder Backwaren zum Verteilen! Dafür wieder unseren großen Dank.
Am Lager überlegen wir, was wir außer den üblichen Dingen noch mitnehmen sollen. Die Nächte sind nach wie vor kalt – also lieber mal nachsehen, was wir noch an Jacken und Pullis haben.
Zunächst geht‘s nach Witten. Wir fahren zu einer Stelle, an der sich des Öfteren ein obdachloser Mensch aufgehalten hat.
Und auch dieses Mal sehen wir ein offensichtliches Lager. Beim Näherkommen entdecken wir nicht einen, auch nicht vier, sondern elf Einkaufswagen wie eine Wagenburg in Westernfilmen aufgebaut!
Große Freude – aber auch leichte Empörung: Er habe auf uns gewartet! Olaf beschwichtigt: Dazu hätten wir ihn ja auch erst mal finden müssen.
Ich schaue mir die Einkaufswagen näher an – ein erstaunliches Sammelsurium. Alles Dinge, die er mal für seine eigene Wohnung benötige. Er bekommt natürlich seine Wünsche erfüllt und freut sich über frische Backwaren!
Auf der Weiterfahrt sehen wir einen weiteren Bekannten in einem Hauseingang sitzen. Ihn zu verstehen ist immer sehr anstrengend, weil er sehr leise spricht, Olaf hockt sich vor ihn, um ihn besser zu verstehen.
Ich sehe einen Passanten, der uns beobachtet. Sofort meldet sich Misstrauen: Akzeptiert er unser Ehrenamt oder ist er eine Bedrohung für unseren Bekannten?
Als wir zum Wagen gehen, spricht er uns an und erzählt eine abenteuerliche Geschichte. Er hat keine Wohnung, übernachtet in einem Heim, achtet sehr auf sich und möchte nicht als obdachloser Mensch erkannt werden.
Türkischer Abstammung, aber in Deutschland geboren, sieben Jahre Gefängnis und bevorstehende Abschiebung.
Er möchte nichts haben, aber als Olaf ihm einiges anbietet, willigt er ein. Ob seine Geschichte stimmt, wissen wir nicht. Er bekommt trotzdem, was er braucht.
Wir fahren noch kurz durch Herdecke, treffen dort aber keine hilfsbedürftigen Personen an und fahren dann umgehend zum Hagener Hauptbahnhof, wo wir an der Post mit einem obdachlosen Bekannten verabredet sind.
Da er den langen Weg einer Entgiftung vor sich hat, haben wir einen Rucksack mit Grundausstattung für ihn gepackt. Wir treffen ihn mit Freunden an – ebenfalls obdachlos bzw. mit kurzfristiger Unterkunft bei Bekannten, aber offenbar ohne Versorgung.
Die junge Frau fragt zaghaft nach Hygieneartikel und warmer Kleidung – gut, dass wir entsprechend gepackt haben!
Olaf sorgt für das leibliche Wohl und nach viel herzlicher Dankbarkeit und guten Wünschen für die Entgiftung parken wir um auf den Bahnhofsvorplatz.
Einige unserer "Stammgäste" sind bereits da, weitere Menschen kommen dazu. Große Freude über die Backwaren, wir haben reichlich und können großzügig ausgeben.
Sobald unsere Gäste versorgt sind, setzen sie sich auf Bänke oder gehen wieder, um in Ruhe ihre Terrinen zu löffeln und den Kaffee zu trinken. Manchmal bleiben sie, um zu reden.
Heute ist es ein Herr im Rollstuhl – wir kennen ihn schon lange. Er erzählt ein bisschen was von sich, sehr langsam, stockend. Wohnung verloren, Methadonprojekt vom Arzt abgebrochen, weil er zwei Tage gefehlt hat, aktuell eine Flasche Schnaps am Tag.
"Ich sage jetzt mal was. Ich hoffe, dass ich verhaftet werde."
Olaf und ich schauen uns an – wir kennen jemanden, der das auch wollte.
Olaf: "Dann hast du eine Unterkunft, wirst versorgt, es ist warm und trocken."
Er nickt, löffelt weiter seine Terrine, verharrt plötzlich und starrt vor sich hin ins Leere. Diese Hoffnungslosigkeit in seinen Augen, seiner Haltung, der Wunsch, lieber ins Gefängnis zu gehen, als das Leben auf der Straße weiterzuführen – das tut richtig weh. Er wiederholt seinen Wunsch und wir bleiben noch etwas bei ihm.
Ja, wir wissen: Welt retten ist nicht.
Nun noch eine Runde durch die Fußgängerzone, im Vorraum einer Bank liegt jemand. Obwohl es drinnen warm ist, friert er.
Olaf: "Bleib im Warmen, wir bringen dir was."
Olaf bringt ihm noch Schlafsack und Isomatte und als er zurückkommt, nennt er mir den Namen. Ich bin fassungslos. Ich kenne ihn – habe ihn aber nicht erkannt. Er hat so abgebaut.
Es war wie immer eine gute Tour, weil wir vielen Menschen helfen durften. Heute wurde das Leid sehr deutlich und das ist auch Thema auf der Rückfahrt.
Wir fahren noch durch Gevelsberg, reden, dann zum Lager.
Passt gut auf euch auf
Olaf und Karin
von der Lichtschmiede e. V.