10. März 2026
Wir sind froh, wenn sie schlafen können
Nach der Wuppertal-Tour von Sonntag müssen wir den Focus gründlich auffüllen, ist schnell erledigt – und los geht’s Richtung Witten.
Eine immer wiederkehrende Überlegung: Fahren wir XY an, fahren wir Z an, aber dort ist seit langem niemand mehr, aber vielleicht jetzt wieder. Dann handeln wir immer nach Bauchgefühl. Wir können nicht jede Stelle, an der wir irgendwann einen obdachlosen Menschen angetroffen haben, immer wieder ansteuern. Es gibt Aufenthaltsorte, an denen wir ziemlich sicher sind, jemanden anzutreffen – und die haben Priorität. Außerdem halten wir auf den Strecken, die wir zurücklegen, immer die Augen offen, ob wir jemand Hilfsbedürftigen entdecken. Diese selektive Wahrnehmung und Aufmerksamkeit gehen einem erstaunlich schnell in Fleisch und Blut über, auch, wenn man eine längere Pause hinter sich hat.
In Witten finden wir tatsächlich an einigen Stammplätzen jemanden vor und freuen uns, helfen zu können. Einen jungen Mann, der sich üblicherweise woanders aufhält, entdecken wir in der Fußgängerzone. Er hat sehr bescheidene Wünsche, die wir sehr gerne erfüllen. Auf dem Weg zurück zum Wagen sehen wir zwei Bananen auf dem Bürgersteig. Hat wohl jemand verloren, Netto ist nicht weit entfernt. Olaf fragt den jungen Mann, ob er Bananen möchte und legt sie neben ihn. Er antwortet zögernd: 'Die sind so grün' – das können wir beide nachvollziehen. Lieber mal ein brauner Fleck auf der Schale, aber sie reifen ja schnell.
Am Hagener Hauptbahnhof ist wieder viel los, auch der 'Aufpasser' ist wieder da. Er koordiniert, entsorgt unseren Müll, gibt Tipps an Neuankömmlinge, unterstützt bei Fragen nach Bus- und Bahnabfahrten, ist laut, aufmerksam – und manchmal ein kleines bisschen anstrengend. Aber nur manchmal! Irgendwie ist er ja auch liebenswert.
Der Herr, über dessen Wiedersehen ich mich nach meiner Pause so gefreut habe, ist auch wieder da. Olaf und ich äußern uns sehr angetan von seinem gepflegten Äußeren und der schicken neuen Brille und er freut sich sichtlich. Er erhält wie immer sein Standard-Paket!
Ein weiterer langjähriger Bekannter taucht auf. Nachfrage auf die verkrustete Wunde auf der Nase: Er wurde im Zug überfallen, zweimal innerhalb kurzer Zeit. Er hat sich gewehrt: 'Ich kann boxen!' Der 'Aufpasser': 'Sogar dreimal, es gibt Videoaufnahmen' und er soll sie sich ansehen. Ein Thema, das immer wieder sprachlos macht – was sind das für Menschen, die Obdachlose überfallen und ausrauben?
In der Fußgängerzone treffen wir auf einige Stammgäste. Ein junger Mann fragt, ob wir seinen Bekannten gesehen hätten, er nennt uns seinen Aufenthaltsort. Haben wir nicht – also fahren wir noch eine Runde durch die Fußgängerzone. Wir entdecken ihn in einem Hauseingang, tief und fest schlafend und leise schnarchend. Wecken kommt nicht in Frage, wir sind froh, wenn sie schlafen können – die Menschen auf der Straße, die Schwächsten der Gesellschaft, die – gerade nachts – nie wirklich sicher sein können.
Passt gut auf euch auf
Olaf und Karin
von der Lichtschmiede e. V.