03. Juni 2026

Wen es einmal gepackt hat, den lässt es meistens nie wieder wirklich los

Susanne ist nicht 'unsere' Susanne von der Lichtschmiede e. V., sondern eine interessierte Gast-Mitfahrerin. Ich kenne sie schon lange und sie ist auch nicht 'branchenfremd' – wir sind früher viele Male gemeinsam auf Tour gefahren.

Ich hole sie ab und am Lager erkläre ich ihr, wie wir wo warum und wohin was packen.

Heute erhalten wir wieder eine Lieferung Backwaren - vielen Dank an die Spender:innen – das ist wieder eine willkommene Abwechslung!

In Witten sind viele unserer Bekannten offenbar unterwegs, wir treffen jedoch den Hüter der Einkaufswagen an. Er hat die Kolonne von elf deutlich reduziert und freut sich über uns:

"Es ist immer so schön, euch zu sehen!"

Er möchte wie immer auch etwas reden und erzählt wieder die Geschichte von früher im Münsterland und vom Wohnwagen.

"Kennt ihr Burg Vischering?" Klar - ich stamme ebenfalls aus dem Münsterland.

Man weiß nie so genau, was es ist, was die Menschen, die wir versorgen, erzählen – ist es Wahrheit, Fantasie, eine Mischung aus beidem? Die psychische Verfassung oder sogar Erkrankung spielt natürlich auch eine Rolle.

Wir dürfen auf der Weiterfahrt noch einige Menschen mit Terrinen, Wasser, Hygieneartikel, Schlafsack, Isomatte und - ganz wichtig - Süßigkeiten versorgen. Manche verstehen den Begriff 'Süßigkeiten' aufgrund der Sprachbarriere nicht – aber bei 'Haribo' erhellen sich die Gesichter: Ja!

Wieder in Hagen fahren wir zu der Bank, auf dem die schweigsame Dame oft sitzt. Sie ist nicht da, vielleicht - und hoffentlich! - bereits sicher zuhause.

In der Fußgängerzone treffen wir auf einen Herrn im Rollstuhl und etwas entfernt auf zwei weitere, einer von ihnen ebenfalls im Rollstuhl. Ich parke so, dass wir beide Orte bequem erreichen können. Zunächst kümmern wir uns um den einzelnen Herrn im Rollstuhl. Er ist ein alter Bekannter – wir haben ihn beide nicht sofort erkannt.

Ein Fuß ist dick verbunden, der Verband schmutzig. Er erzählt, dass er vor einiger Zeit im Krankenhaus war und dass mittlerweile Maden aus dem Verband kriechen. Susanne fragt nach, ob der Verband seitdem nicht erneuert worden sei. Ich frage, ob er unter diesen Umständen wieder ins Krankenhaus möchte.

Klare Antwort: "Ja!"

Bevor wir den Rettungsdienst rufen, müssen wir sicherstellen, dass der oder die Betroffene auch bereit ist für einen Aufenthalt im Krankenhaus. Viele weigern sich aus unterschiedlichsten Gründen:

  • Angst vor Diskriminierung
  • Misstrauen gegenüber Gesundheitseinrichtungen oder Behörden
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Traumafolgestörungen
  • Angst vor Entzugserscheinungen
  • Angst, die wenige Habe zu verlieren, die sie an Schlafplätzen deponiert haben
  • Angst vor Regeln, die sie auf der Straße verlernt haben
  • Angst vor dem Verlust von Freiheit

Kurze Rücksprache mit Olaf – dann rufe ich den Rettungsdienst. Der Herr ist auch bei ihnen seit Jahren bekannt und sie werden einen Wagen schicken.

Die beiden anderen sind mittlerweile eingetroffen, plötzlich entbrennt zwischen ihnen ein lautstarker Streit. Alle drei werden versorgt, wir bitten darum, sich leise zu verhalten, da sonst die Polizei gerufen würde. Sie haben sich abgeregt, löffeln friedlich ihre Terrinen und versprechen es.

Halbwegs beruhigt steuern wir den letzten Halt an: Hauptbahnhof. Alte und neue Gesichter, große Freude und großer Andrang. Susanne und ich sind immer noch ein eingespieltes Team und so geht es zügig mit der Ausgabe, die Bötchen gehen weg 'wie warme Semmeln'.

Auf der Rückfahrt reden wir über die Tour, wie froh Susanne ist, wieder mal rausgefahren zu sein.

Passt gut auf euch auf sagen
Gast-Mitfahrerin Susanne und Karin von der Lichtschmiede e. V.