15. Mai 2024
Parallelwelten – nur eine Tür voneinander entfernt
Heute stand unsere Tour ganz im Zeichen von Kontrasten und Parallelwelten.
Gemeinsam mit Olaf war ich gestern in Hattingen, Witten und Hagen unterwegs. Die Menschen, denen wir begegneten, konnten wir mit warmen Mahlzeiten, Hygieneartikeln und einigen Kleidungsstücken versorgen. Auch eine Taschenlampe wechselte den Besitzer.
Überraschend oft wurden wir an diesem Abend nach Taschentüchern gefragt – ungewöhnlich häufig. Während ich diese Zeilen schreibe, wird mir auch der Grund dafür bewusst: Die warmen Temperaturen haben die Pollensaison in Gang gesetzt. Allergien machen eben auch vor Menschen auf der Straße nicht Halt.
Am nachhaltigsten beeindruckt hat uns jedoch etwas anderes.
Auch nach vielen Jahren in der Obdachlosenhilfe erschüttert es uns immer wieder, wie groß das Elend ist, wie unterschiedlich Lebenswelten sein können und wie nah diese Parallelwelten oft beieinanderliegen, ohne dass sie von den meisten Menschen überhaupt wahrgenommen werden.
Bei unserer Expedition nach neuen Gesichtern entdeckten wir ein Treppenhaus, das uns sofort auffiel. Draußen schien die Sonne, es waren noch 23 Grad, und wir waren uns einig, dass dies ein typischer Rückzugsort für Menschen ohne festen Schlafplatz sein könnte. Also beschlossen wir, genauer nachzuforschen.
Olaf öffnete die Tür – und wir fanden uns plötzlich an einem Ort wieder, der nahezu postapokalyptisch wirkte. Es war dunkel, beschädigt, kalt, stickig und verlassen. Mit einer Taschenlampe verschafften wir uns einen Überblick.
Tatsächlich fanden wir deutliche Anzeichen dafür, dass hier jemand regelmäßig lebt.
Der Geruch nach Fäkalien war kaum zu ertragen. Olaf und ich atmeten irgendwann nur noch durch den Mund. Wir gingen das gesamte Treppenhaus ab, hinterließen einen Flyer und waren erleichtert, als wir das Gebäude wieder verlassen konnten.
Ein einziger Schritt durch die Tür – und plötzlich war alles wieder anders.
Warme Sonne
Ein leichter Wind
Vogelgezwitscher
Der Duft nach Blumen
Ein Schritt zurück – und wir wären wieder in der Hölle gewesen.
Und genau das hat uns tief berührt:
wie unterschiedlich die Welt für manche Menschen aussieht.
Wie viel unzumutbares Elend sie direkt neben uns erleben.
Ich habe mich gefragt, wie verzweifelt ein Mensch sein muss, um einen solchen Ort als Zuflucht zu wählen und sich dort zum Schlafen hinzulegen.
Ein Foto, das wir gemacht haben, zeigt den Gegensatz sehr gut: von außen ein gepflegtes Backsteinhaus - im Inneren eine völlig heruntergekommene Toilette.
Genau dort verrichten unsere Schützlinge ihre Notdurft, waschen sich so gut es eben geht oder verbringen dort manchmal sogar die Nacht.
Und am Ende des Tages setzen wir von der Lichtschmiede uns genau deshalb mit so viel Herzblut für diese Menschen ein.
Niemand sollte in so einer Welt allein gelassen werden.
Auch wenn wir gut gelaunt und mit einem voll beladenen Fahrzeug vom Lager aufbrechen – wir wissen, dass uns unterwegs nicht nur Dankbarkeit, sondern auch verstörende Eindrücke begegnen werden.
Passt auf euch auf,
Kathrin und Olaf
vom Team Lichtschmiede e. V.