25. Juni 2023

Wir möchten nicht mit ansehen müssen, wie ihn die Straße verändert, ihn kaputtmacht

Es war wieder mal ein heißer Tag gewesen und wir packten am Abend ausreichend kalte Getränke in unser Vereinsauto.
Auf dem Weg in die Innenstadt begegneten wir einem Bekannten, der unterwegs zu seiner Schlafstätte in einem Parkhaus war. Wir verabredeten uns für später. Er benötigte Batterien für sein Radio.
In einem Zelt in der Nähe hält sich ein sehr netter, zurückhaltender junger Mann auf. Ich hatte ihn noch nicht kennengelernt und bemerkte, wie er mich immer wieder von der Seite beäugte, als ich ihm eine Terrine anrührte und er sich nur mit Sabine, die ihn schon länger kennt, unterhielt. Vertrauen muss man sich bei vielen Straßenmenschen über eine gewisse Zeit erarbeiten. Sie haben zu oft schon enttäuschende Erfahrungen gemacht. Der junge Mann ist aber generell eher schweigsam, obwohl er sich offensichtlich immer über die Gesellschaft unserer Teams freut.
In einer ruhigen Seitenstraße lehnte ein anderer junger Mann an der Hauswand. Er ist höchstens 20 Jahre alt, sieht sehr gepflegt aus und ist wohl erst seit wenigen Wochen auf der Straße, wie er uns erzählte. Den Grund nannte er nicht und wir fragten nicht. Er wirkte zunächst etwas irritiert, konnte uns nicht einordnen. Wir klärten ihn auf und gaben ihm eine Visitenkarte für Notfälle. Die Isomatte, die er von uns bekam, rollte er gleich aus und als wir uns verabschiedeten, setzte er sich mit der Terrine aus unserem Auto auf seine neue Unterlage. Er wirkte zufrieden und Sabine und ich dachten beide das gleiche: hoffentlich ist er bald wieder weg von der Straße. Wir möchten nicht mit ansehen müssen, wie ihn die Straße verändert, ihn kaputtmacht.
Auch obdachlose Menschen haben Interessen, sind Fußballfans, Schlagerfans. Wir hörten uns am Bahnhof die erstaunliche Geschichte eines Bekannten an: er hatte eine Eintrittskarte für den "Fernsehgarten" in Mainz geschenkt bekommen. Nun war er zwei Tage unterwegs gewesen, um an dem Event teilnehmen zu können. In der Nacht hatte er vor dem Tor vom ZDF-Garten mehr gestanden als geschlafen. Aber es hatte sich gelohnt. Im Gepäck hatte er jetzt zwei Leinwände mit Autogrammen, u.a. von Claudia Jung. Darauf war er besonders stolz. Und nun möchte er eine Leinwand für einen guten Zweck bei ebay versteigern. Super Idee! Es war schön zu hören, dass er sein Ziel so konsequent verfolgt hatte.
Am Bahnhof gaben wir viele Kaltgetränke und erstaunlicherweise, bei diesen Temperaturen, auch viele Becher Kaffee und heiße Terrinen aus. Auf dem Rückweg fuhren wir zunächst den Bekannten im Parkhaus an und brachten ihm die Batterien. Er ist ein Fan von Fantasyromanen und wir bekamen eine kurze Inhaltsangabe seines Lieblingsbuches. Das ist eben sein Interesse und er hält sich geistig fit damit.
Dann besuchten wir noch eine junge obdachlose Frau in ihrem neuen Zuhause. Ganz stolz zeigte sie uns ihre aufgeräumte Parzelle in einer Mauer, die sie von einem anderen Straßenmenschen übernommen hatte. Es war kühl dort, geschützt, aber auch sehr einsam gelegen. Bei einer Terrine unterhielten wir uns, wobei sie zwischendurch über Schmerzen im Bauchraum klagte. Wir legten ihr den Arztbesuch am nächsten Morgen sehr ans Herz und hoffen, dass wir sie auf der nächsten Tour wohlbehalten in ihrer neuen "Wohnung" antreffen.
Passt auf euch auf.
Sabine und Monika vom Team Lichtschmiede e. V.