22. August 2023

"Ich bin jetzt 66 Jahre alt und habe mein Leben gelebt"

Eine frühe Tour und trotzdem witzig, traurig und hilfreich für so viele.
Am Bahnhof war es lustig. Wir trafen "Winnetou", wie Andreas ihn gleich nannte, weil er ein Stirnband mit Federn trug. Seine Begleitung war eine unermüdliche Sängerin uralter Schlager. Wir kannten die Songs aus unserer Kindheit, konnten sie fast alle mitsingen, jedenfalls die Refrains. Beide freuten sich unendlich über eine Terrine und waren gar nicht zu bremsen in ihrem Redeschwall. Zwischendurch dann mal wieder "Junge, komm bald wieder" und andere Ständchen.
Beobachtet wurde der ziemlich große Andrang an unserem Wagen von zwei Polizeikräften, die uns dann auch ansprachen. Sie waren sehr interessiert an unserem Ehrenamt und am Schluss der Unterhaltung bedankten sie sich für unsere Visitenkarten und Flyer. "Wir haben so oft obdachlose Menschen auf der Wache, die nicht wissen, wohin sie sollen oder einfach nur einen Schlafsack, eine Isomatte brauchen. Dann können wir euch ja anrufen." Ja, dieses Netzwerk ist so hilfreich und wir sind immer wieder erstaunt, wie positiv die Einsatzkräfte in allen Städten auf uns reagieren. Eine unglaublich gute Erfahrung!
In der Innenstadt trafen wir einen "Straßenmenschen" mit einem Rollator an. Gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen und auf dem Weg zu seinem Schlafplatz an der Volme. Sein Bein blutete und es ging ihm nicht gut. Er musste uns versprechen, die ärztliche Versorgung in "Luthers Waschsalon" aufzusuchen, einem Angebot der Diakonie für obdachlose und bedürftige Menschen. Es kostete aber unendliche Überredung. "Ich bin jetzt 66 Jahre alt und habe mein Leben gelebt". So traurig, dass er sich schon aufgegeben hat. Andreas konterte denn auch passend zum Abend mit der Songzeile "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an". Wenigstens das brachte ihn zum Lachen in all seiner Resignation. Und einen Schlafsack bekam er zusätzlich noch, denn an der Volme ist es nachts feucht und kühl.
Viele haben sich trotz des harten Lebens auf der Straße ihren Humor und Lebensmut erhalten, können sogar Schlager trällern und andere geben sich auf, wollen nicht mehr. Mit dieser Erkenntnis traten wir den Heimweg an.
Behaltet euren Humor und passt auf euch auf, Andreas und Monika vom Team Lichtschmiede e. V.