Sabine und ich starteten um 22 Uhr unsere Tour in die Nacht.
Wuppertal war voller Menschen, die an diesem lauen Abend durch die Straßen zogen.
Eben Leben draußen.
Auch die obdachlosen Menschen waren noch spät unterwegs.
Auf dieser Tour mussten wir niemanden suchen, wir waren sofort "mittendrin", wie Sabine schon kurz hinter der Stadtgrenze meinte.
Die späten Touren sind immer ein Gewinn, weil wir neben dem gut bestückten Auto vor allem eins haben: ganz viel Zeit.
Zeit zum Reden und Zuhören.
An diesem Abend und in der Nacht trafen wir alte Bekannte und lernten neue Straßenmenschen kennen.
Wir waren Zeugen von "Revierkämpfen", weil der Stammplatz verteidigt wurde, und bekamen Hinweise auf neue Schlafstätten und Aufenthaltsorte.
Wieder einmal bekamen wir einen "polnischen Handkuss" von einem unglaublich netten und höflichen Straßenmenschen, den wir regelmäßig treffen und der sich immer über eine Suppe freut.
Viele trafen wir praktisch im Vorbeigehen, fuhren zusätzlich sämtliche bekannten und neuen Stellen an, liefen durch dunkle Parkhäuser und schauten unter Brücken und in Hauseingänge.
Es lohnte sich, denn wir begegneten so vielen obdachlosen Menschen, dass unsere Kannen mit heißem Wasser nicht ausreichten.
Und es waren fast ausschließlich Menschen, die permanent auf der Straße leben.
Am Bahnhof holten wir Nachschub.
Dort hatten wir jemanden, der vorab telefonisch um Hilfe gebeten hatte, mit dem Notwendigsten für das Leben auf der Straße versorgt: Schlafsack, Isomatte, Unterhosen etc.
Er ließ es sich nicht nehmen, die Kannen zurück ans Auto zu tragen.
"Ist ein Geben und Nehmen", seine Worte.
Und dann leerten wir die nächste Thermoskanne.
Es ist wie ein Besuch bei Nachbarn, Freunden oder Bekannten.
Der Kaffee, die Terrine, das Wasser sind oft Nebensache, aber sie gehen einher mit einem Gespräch, das vermittelt: es interessiert sich jemand für mich.
Das ist der Sinn des Besuchs.
Zumindest an diesen lauen Abenden, an denen wir nicht schauen müssen, ob jemand erfriert, verhungert, verdurstet.
Existentielle Hilfe bekommen sie bei vielen städtischen Einrichtungen, auf die wir bei Bedarf auch verweisen und sie bei den Formalitäten gerne unterstützen.
Aber Besuch?
Wir erfuhren viel Neues.
Das ist wichtig, denn oft bekommen wir so Hinweise auf den Verbleib eines Bekannten.
Dann müssen wir uns keine Sorgen machen.
Ein guter Bekannter hatte wohl seinen Strafvollzug endlich antreten können.
Ausgestattet mit der zulässigen Menge an Tabak und Kaffee ist er nun für die nächsten acht Monate sozusagen "in Obhut".
Die Info war sehr wichtig, denn wir hatten ihm versprochen, regelmäßig nach ihm zu sehen.
Ein anderer Bekannter war wieder raus und wir konnten seinen Redeschwall gar nicht bremsen.
Zwischendurch fragte er nach Boxershorts, die wir ihm gerne gaben.
Als wir uns von der Gruppe verabschiedeten, sagte eine Frau im Rollstuhl, die wir regelmäßig treffen: "Bleibt gesund, ist wichtig für uns."
Am Ende der Tour stoppen wir bei den beiden Frauen, die wir schon lange kennen und mit denen uns einige Erlebnisse verbinden.
Jetzt, im T-Shirt, sieht man die ganze Verzweiflung einer Frau, die sich nur durch ritzen spüren kann.
Niemals solche Arme gesehen, eine Kraterlandschaft.
Jedesmal verabschieden wir uns mit: "Und mach keine Dummheiten."
Wir werden es im Ernstfall nicht verhindern können, aber wir können ihr vielleicht vermitteln, dass es uns nicht egal ist.
Dass sie uns nicht egal ist.
Wie alle, die wir regelmäßig in ihrem Wohnzimmer auf der Straße besuchen.
Sabine und Monika vom Team Lichtschmiede e. V.